Perfektionismus - gut oder schlecht?

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Ein Grund, warum man nichts zustande bringt, ist der Hang zum Perfektionismus. Aber was kann man dagegen tun? Und kann Perfektionismus auch gut sein?

Was ist eigentlich Perfektionismus?

Klar, bei allem, was man tut, hat man eine gewisse Erwartung an sich. Wie gut muss die erledigte Arbeit sein? Wann kann man diese abliefern oder damit an die Öffentlichkeit gehen?

Perfektionisten haben jedoch ein Problem. Sie wollen nicht einfach nur gute Arbeit machen sondern immer sehr gute. Und selbst ein sehr gutes Ergebnis ist in deren Augen meist noch nichtmal gut, maximal vielleicht befriedigend oder ausreichend.

In der Folge sind sie immer unzufrieden. Weil man es ja besser machen hätte können. Oder sie kommen mit ihrer Arbeit nicht voran, weil man dies und jenes noch beachten müsste.

War die erste Dampfmaschine perfekt? War der erste Benzinmotor perfekt? War das erste iPhone perfekt? Nein, diese Produkte waren aber gut genug, dass man damit an den Markt gehen konnte - und welch Verbesserungen wurden seit daher erreicht!

Perfektionismus und Aufschieberitis

Perfektionismus ist ein Faktor, der direkt in die Prokrastination führt. Das fängt schon in der Planungsphase an. Planung an sich ist nicht verkehrt und hilft sogar, die Dinge anzupacken und eine gute Qualität abzuliefern.

Doch wie sehen die Planungen eines Perfektionisten aus? Zunächst hat er ein grobes Bild vom Ergebnis. Aber man muss ja noch dies und jenes bedenken. Aber was, wenn dies und jenes eintritt? Das muss ja auch noch berücksichtigt werden. Wenn wenn das und das nicht auch noch umgesetzt wird, kann man sich das Projekt ja gleich schenken...

Mit anderen Worten: der Plan wird immer komplexer, das Projekt immer schwieriger umsetzbar. Damit sinkt aber die Motivation, das ganze Vorhaben dann auch wirklich anzupacken. Weil das Ergebnis utopisch geworden ist.

Und wenn er dann doch mal angefangen hat? Dann kommen wieder neue Ideen, an die er vorher gar nicht gedacht hat. Diese müssen ja auch noch umgesetzt werden...

So wird das Projekt mehr und mehr aufgebläht. Während das Ziel (das perfekte Ergebnis) immer unerreichbarer wird, sinkt die Motivation noch mehr und irgendwann verläuft dann alles im Sande.

Staatliche Bauprojekte funktionieren sehr oft auf diese Weise. Die Verzögerungen und Kostensteigerungen beruhen oft auf der Tatsache, dass im Laufe der Bautätigkeit immer wieder neue Politiker ihre Ideen umgesetzt sehen möchten und das Endergebnis irgendwann mit der ursprünglichen Planung nichts mehr zu tun hat. Ich sag nur Elbphilharmonie und Berliner Flughafen...

Und dann hat man eine ganz neue Idee - ein ganz neues Projekt. Und das ganze Spiel geht von vorne los.

Perfektionismus vs. Gewissenhaftigkeit

Perfektionismus darf man nicht mit Gewissenhaftigkeit verwechseln. Es gibt Menschen, die haben eine Abneigung gegen Perfektionismus und neigen dann aber dazu, Aufgaben nicht gewissenhaft zu erledigen. "Wird schon passen...".

Und so sagt der Perfektionist: "Ich mache es richtig. Man muss eine Arbeit doch 100%-ig ausführen, oder?"

Und so sagt der Schlamper: "Ich mache es richtig. Man muss ja nicht immer alles übertreiben."

Tja, und dabei liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Und nennt sich Gewissenhaftigkeit. Es geht darum, eine Arbeit zwar gut zu machen, aber nicht darum, sich daran die Zähne auszubeißen.

Je nach Aufgabe ist ein unterschiedlicher Grad an Gewissenhaftigkeit erforderlich. Wäre es dankbar, dass man damit zufrieden wäre, wenn bei einer Fluggesellschaft 1 % aller Flugzeuge abstürzen würde. 99% kämen ja immer heil an. Damit könnte man doch zufrieden sein... Wäre so etwas denkbar?

Also: es gibt Aufgabenstellungen, die mehr Gewissenhaftigkeit erfordern als andere. Und hier kommt es darauf an, dass man realistisch einschätzen kann, was erforderlich ist, um eine Sache gut zu machen.

Perfektionismus vs. Selbstsucht

Jetzt will ich noch einen Bereich ansprechen, der oftmals unter den Tisch gekehrt wird. Weil es jetzt etwas moralischer zugeht. Man gesteht sich ja gerne ein, dass man perfektionistisch ist - ja, man sieht dies vielleicht sogar noch aus Auszeichnung. Aber würde jemand freiwillig zugeben, selbstsüchtig zu sein? Und dabei sind es doch die meisten Menschen (wenn nicht gar alle) - wenn auch bis zu einem unterschiedlichen Grad.

Ich kann mich zwar nicht mehr erinnern, aber bestimmt habe ich meiner Mutter viele Nerven gekostet, wenn ich als Baby nachts so lange geschrien habe, bis sie sich meiner annahm. Wenn ich Hunger hatte, hatte ich Hunger, basta! Meine Mutter ist müde? Ist doch mir egal - ich habe Hunger!

Nun, im Laufe des Lebens lernt man (hoffentlich!), seine selbstsüchtigen Triebe zu beherrschen. Doch "Perfektionismus" könnte diesen wieder einen Raum geben. Wenn man nämlich anfängt zu glauben, dass man selbst die perfekteste[sic!] Vorgehensweise kennen würde. Und von anderen verlangt, dies genauso umzusetzen. Und wehe, wenn nicht!

Wenn das Essen Punkt 12 auf dem Tisch stehen muss. Man hat genau dann ja Hunger. 5 Minuten später wäre man schon verhungert. Oder wenn die Kinder immer spuren müssen und sich nie auch nur einen Fehler erlauben dürfen. Oder, wenn die Raumtemperatur exakt x Grad haben muss (damit ich ja weder friere noch schwitze). Oder wehe, der Partner vergisst den Hochzeitstag...

Man erspart sich sehr viel Stress, wenn man einsieht, dass andere auch ein Leben haben und dass sie genauso Rücksicht verdient haben wie man selbst. Und dass man selbst Fehler macht und andere ebenso. Und dass man selbst oft gute Ideen hat, andere aber auch.

Was kann man tun?

Zuerst muss man sich klar werden, dass Perfektionismus etwas anderes ist als Gewissenhaftigkeit. Dass man Dinge gut machen und diese dann im Laufe der Zeit verbessern kann. Und dass man nicht beim ersten Mal den ganz großen Wurf machen muss.

Berühmten Musikern sagt man oft nach, sie seien Perfektionisten. Ob es jetzt Johann Sebastian Bach oder Michael Jackson war. Sieht man aber genau hin, stimmt dieses Bild nicht mehr so ganz. Bei näherer Betrachtung haben sich diese Musiker eher als fleißig erwiesen, denn sie haben unzählige Musikstücke produziert. Bekannt (und geliebt) wurden dann aber nur wenige davon.

Alleine Bach werden über 1000 Werke zugeschrieben. Wie viele wären es wohl geworden, wenn er erst ein "perfektes" Werk veröffentlicht hätte? Und an die ersten Versuche, Violine zu spielen, mag man gar nicht denken...

Nach dem Tod von Michael Jackson wurden unveröffentlichte Lieder für 200 Millionen US-Dollar an Sony verkauft. Es war geplant, diese in insgesamt 10 Alben zu veröffentlichen. Viel gehört hat man davon nicht mehr, nachdem das erste nicht so gut ankam, wie erwartet. Mit anderen Worten: er war sehr produktiv und hat dann die guten Lieder veröffentlicht, die schlechteren hat er fallen lassen, anstatt diese ewig perfekt machen zu wollen.

Oder nehmen wir Enid Blyton, die seinerzeit erfolgreichste Kinderbuch-Autorin. Was war ihr Rezept? Sie hat ein Buch nach dem anderen geschrieben. Über 200 sollen es gewesen sein. Darunter findet man Perlen, wie z.B. die 5-Freunde-Reihe, die Abenteuer-Bücher, die Geheimnis-Bücher, Hanni und Nanni sowie Dolly (bei den letzten beiden Reihen wurden übrigens nur die ersten Bände von Enid Blyton geschrieben. Die weiteren Teile wurden von Rosemarie Eitzert (aka Tina Caspari) geschrieben - nur so am Rande, wenn wir hier schon von Perfektionismus sprechen...). Also 200 Bücher - und davon waren vielleicht nur 50 wirklich gut.

Was will ich mit diesen drei Beispielen sagen?

Es geht nicht darum, dass die eine Sache perfekt sein muss. Selbst ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Wie viel mehr, wenn man etwas macht, von dem man etwas versteht. Es geht vielmehr darum, dass bei produktiven Menschen oft bessere Ergebnisse herauskommen, als bei perfektionistischen.

Ein perfektionistischer Mensch möchte mit einem einzigen, perfekt berechneten Sprung ein Hochhaus erklimmen. Der produktive Mensch "besteigt" dieses Hochhaus Etage für Etage. Und jede einzelne Etage Stufe für Stufe. Wer kommt wohl schneller oben an?

Manchmal hört man den Begriff "Bananen-Software". Damit ist Software gemeint, die beim Kunden reift - die also mit Fehlern ausgeliefert wird, die dann erst nach und nach behoben werden.

Natürlich erwarten Kunden zu Recht, dass die von ihnen gekaufte Software so gut wie möglich funktioniert. Allerdings ist es unmöglich, ein komplexes Programm fehlerfrei zu erstellen. Auch interne Tests können nicht alle Fehler erkennen. Würde ein Hersteller darauf warten, eine Software erst dann zu veröffentlichen, wenn sie perfekt ist, dann würde er ewig darauf warten. Durch die Rückmeldung von Kunden kann aber eine Software perfekter gemacht werden also nur durch interne Tests alleine.

Und genauso ist es mit jedem Vorhaben. Im stillen Kämmerlein kann man nichts perfekt umsetzen. Erst durch Rückmeldungen von anderen (Familie, Freunde, Vorgesetzte, Kunden) kann man sein Vorhaben dann weiter verbessern.

Außerdem führt Perfektionismus zu vermehrtem Stress, da Perfektion eben nicht erreicht werden kann. Stress aber führt dazu, dass der Vorrat an Willenskraft im Gehirn schneller aufgebraucht wird. Und weniger Willenskraft führt dazu, dass man nicht immer das macht, was man sich vorgenommen hat. Und da sind wir wieder beim Thema Prokrastination.

Zusammenfassung
  • Die erfolgreichsten Menschen sind diejenigen, die produktiv sind, nicht die perfektionistischen.
  • Gut ist gut genug. Verbessern kann man es immer noch.
  • Locker bleiben: weniger Stress - dafür mehr Willenskraft.

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